Prolog
Prolog Asiatische Lautsprecher und Alltagsrassismus
Gedankenverloren schaue ich aus dem Fenster des kleinen Regionalzugs, der mich gleich von Bayonne nach Saint-Jean-Pied-de-Port bringen wird – dem legendären Startpunkt des Camino Francés in den französischen Pyrenäen, direkt an der spanischen Grenze. Bis zur Abfahrt dauert es noch eine Weile, und bisher bin ich der einzige Passagier. Die Ruhe im leeren Zug genieße ich, denn mein Tag begann sehr früh und ich bin nach einer langen Reise etwas müde und abgespannt. Die Einzelheiten erspare ich dir, aber der Wecker klingelte schon – in aller Herrgottsfrühe – um 3:25 Uhr und die Verbindung von Ronnenberg bei Hannover ist auch bei gutem Willen nicht als direkt zu bezeichnen. Die Ironie, dass mein Jakobsweg zu so einer unchristlichen Zeit beginnt, lässt mich schmunzeln.
Meine Stirn ist gegen die Scheibe des Fensters gepresst, und ich genieße die Kühle. Als ich mich umdrehe, weil sich die Zugtür öffnet, bleibt ein Fettfleck zurück. Ich versuche, ihn mit der Hand wegzuwischen – und mache es damit nur noch schlimmer.
Nach und nach füllt sich der Zug. Ich schaue weiter aus dem Fenster und beachte die Menschen nicht. Vereinzelt schnappe ich Sprachfetzen auf, kann sie aber in keinen Zusammenhang bringen.
In gemütlichem Tempo setzt sich der Zug in Bewegung und führt uns an atemberaubend schöner Szenerie vorbei. Den Großteil der Fahrt folgen wir einem Bach, der von schroffen Felsen gesäumt wird. Darauf hocken alte, gebeugte Bäume, deren üppiges Moos wie lange Bärte wirkt – wie uralte Männer, die den Zug missmutig beobachten. Immer wieder wird das Landschaftsbild durch Weiden aufgelockert, auf denen mal Kühe, mal Schafe den Zug mit Gleichgültigkeit strafen.
Mit zunehmender Dauer der Fahrt wird es im Waggon immer lauter. Eine Gruppe weiter hinten unterhält sich und lacht in einer Lautstärke, in der andere um Hilfe schreien, aber ich kann trotzdem – oder gerade deswegen? – nur einzelne Worte ausmachen. Ich bin etwas angefressen davon, entscheide mich aber, das Ganze so weit wie möglich zu ignorieren und mir davon nicht die Stimmung verderben zu lassen. Ich denke mir: „Typisch Amerikaner, müssen immer und überall die Lautesten sein.“
Als der Zug in Saint-Jean ankommt und ich aussteigen möchte, muss ich an der lärmenden Gruppe vorbei. Es handelt sich wider Erwarten nicht um Amerikaner, sondern um Asiaten. Damit hätte ich nicht gerechnet.
Vielleicht ist dies, kurz bevor es richtig losgeht, der passende Moment für eine Erklärung: Warum mache ich das hier eigentlich? Ich liebe es seit jeher, mich sportlichen Herausforderungen zu stellen. Egal, ob Harzer Hexenstieg, Marathon, Tough Mudder oder Mammutmarsch – ich bin dabei. Als ich vor einigen Jahren das Buch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling hörte, war mir sofort klar: Das muss ich auch irgendwann machen. Und da ich in Kürze meinen fünfzigsten Geburtstag feiere, hielt ich den Zeitpunkt für ideal. Ich bin nicht gläubig, und außer einer guten Zeit und einem Abenteuer erwarte ich rein gar nichts von dieser Reise – am wenigsten tiefe Erkenntnisse, Erleuchtungen oder gar Lebenslektionen. Ohne zu viel vorwegzunehmen: Großer Irrtum!
Als ich auf dem Bahnsteig stehe, nehme ich erst wahr, wie voll die Bahn gewesen ist. Außer mir sind bestimmt mehr als 100 andere, die sich wie ich auf den Weg zum Pilgerbüro aufmachen, um sich dort ihren ersten Stempel in den Pilgerpass, auch Credencial genannt, abzuholen. Wenn ich also nicht unendlich lange in der Schlange stehen möchte, muss ich mich beeilen, um vor der Menge anzukommen. Ich setze mich also strammen Schrittes in Bewegung und habe bald einen großen Vorsprung vor allen anderen. Obwohl ich schnell gehe, lasse ich doch den Blick rechts und links schweifen. Nachdem man am Bahnhof, wie sollte es auch anders sein, von einer Pilgerstatue begrüßt wird, bahnt sich der Weg durch den moderneren Teil von Saint-Jean-Pied-de-Port, der weder besonders ansehnlich noch besonders hässlich ist. Für mich sieht er aus wie der Vorort einer typischen französischen Kleinstadt. Es gibt viele kleine sandsteinfarbene und weiße Häuser, die fast alle schon etwas in die Jahre gekommen sind und einen neuen Anstrich gut gebrauchen könnten.
Die Szenerie ändert sich dramatisch, als ich durch einen Torbogen die historische Altstadt betrete. Alles, was man tun müsste, um hier eine Folge Terra X über das Mittelalter zu drehen, ist die ganzen Pilger-Souvenirs wegzuräumen, die es hier wirklich an jeder Ecke zu kaufen gibt.
Als ich am Pilgerbüro ankomme, sehe ich, dass mein Plan, schneller als die anderen Reisenden aus meinem Zug zu sein, aufgegangen ist, denn die Schlange ist zwar nicht unerheblich, aber auch nicht lang.
Vor mir wartet ein Asiat in der Schlange und ich frage mich, was ihn und die anderen „Lautsprecher“ aus der Bahn wohl hierher verschlagen hat. Nach ungefähr zehn Minuten des Wartens kommen noch ein paar andere und drängeln sich ziemlich unsanft vor mich und zu ihm. Genervt frage ich mich, wie sie es denn geschafft haben, schneller als ich hier zu sein; mich hat doch niemand überholt.
Ich greife hier vor, aber dass ich hier mit meinem Alltagsrassismus oder zumindest mit meiner Unwissenheit konfrontiert werde, begreife ich erst Tage später. Bei den „Asiaten“ handelt es sich nämlich um Südkoreaner und neben den Buddhisten gibt es dort auch viele Christen. Sie stellen inzwischen eine der zehn größten Gruppen auf dem Jakobsweg dar. Waren es um die Jahrtausendwende noch unter 20 koreanische Pilger pro Jahr, so waren es im Jahr 2023 schon über 7500. Der Grund für diesen enormen Anstieg ist im Grunde der gleiche wie bei uns: Ein Promi ist den Camino gegangen und hat ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben, es folgten Reality-Shows und so weiter. Es ist in Südkorea ein regelrechter Hype darum ausgebrochen.
Während ich also noch über meine persönliche Hase-und-Igel-Erfahrung sinniere, bin ich, nach etwa einer halben Stunde des Wartens, an der Reihe. Ein netter Herr, wie alle anderen, die im Pilgerbüro arbeiten, ein Freiwilliger und wahrscheinlich ehemaliger Pilger, lässt sich meinen Pilgerpass zeigen, überprüft meine Personalien und fragt mich, wann ich denn los wandern möchte. Ich sage ihm, dass ich vorhabe, die erste Etappe nach Roncesvalles noch heute zu gehen. Ob ich denn mal auf die Uhr geschaut hätte, fragt er mich, es ist schließlich schon halb fünf. „Ach“, sage ich ihm, „ich bin gut zu Fuß, die 25 km schaffe ich schon und wenn alle Stränge reißen, habe ich ja auch noch mein Zelt“. Er schaut mich zwar etwas kritisch an, sagt dann aber: „Na dann: Buen Camino“, und setzt mir den Stempel in meinen Pilgerpass.
Ich bin nun ein Pilger, auch wenn ich den Begriff – noch – ablehne.
Aufbruch
Wanderer über dem Nebelmeer und ein Skelett im Gras
Timchen klein geht allein in die weite Welt hinaus. Stock und Hut – in meinem Fall Käppi und Walking Stick – stehen mir, glaube ich, ganz gut. Aus dem Alter, in dem meine Mutter beim Abschied weint, bin ich lange raus. Heute heißt es nur noch: „Pass auf dich auf.“ Sie kennt das von mir.
Der Pfad führt zunächst durch die engen Gassen des Städtchens, vorbei an jahrhundertealten Gebäuden, Cafés und Restaurants. Überall sitzen Menschen, die sich unterhalten und im Gegensatz zu mir schon ihr Feierabendbier genießen. Saint-Jean-Pied-de-Port ist nicht sehr groß, es hat nur eine Fläche von etwa drei Quadratkilometern – oder um des Deutschen liebste Größeneinheit zu benutzen: 420 Fußballfelder. Und so lasse ich es bald hinter mir. Ich laufe an Gehöften und Weiden vorbei, auf denen mich Kühe neugierig beobachten, und werde auf der linken Seite von Strommasten begleitet. An einem der Masten entdecke ich ein kleines gelbes Schild: ein sich schlängelnder Weg mit der stilisierten Jakobsmuschel, in Blau aufgemalt.
Ich mache ein Foto davon, um es in meinen WhatsApp-Status zu posten – damit meine Lieben zu Hause wissen, dass ich gut angekommen und unterwegs bin.
Während ich die Nachricht verfasse, halte ich einen Moment inne.
Jetzt ist es also so weit.
Nach so vielen Jahren bin ich tatsächlich da. Das ist der Weg.
Oder mit den Worten des Mandalorianers: „This is the Way.“
Nicht vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis – sondern hier und jetzt.
Stetig geht es bergauf, erst leicht, dann immer steiler. Ich bin nicht der einzige Wanderer – immer wieder, im Abstand von vielleicht zehn Minuten, begegnen mir andere. Wir nicken uns zu und wünschen uns ein „Buen Camino“.
Die Wolken hängen tief, und ich komme ihnen mit jedem Meter näher. Bald umhüllen sie mich, die Luft ist kühl und feucht, und außer meinen Schritten ist nichts zu hören.
Als ich kurz darauf an einem Felsvorsprung haltmache, um einen Moment zu verschnaufen, merke ich, dass ich inzwischen im wahrsten Sinne des Wortes über den Wolken stehe.
Ich blicke hinab ins Tal und werde mit einer spektakulären Aussicht belohnt, die mir ein bisschen den Atem stocken lässt. Ich fühle mich wie Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer.
Etwa auf 700 Höhenmetern müsste ich mich jetzt befinden. Die Hälfte der Steigung habe ich also noch vor mir.
Vor ein paar Minuten hat es angefangen zu nieseln – aber ich rede mir ein, dass es bestimmt bald aufhört, wenn ich nur hoch genug steige.
Hier wendet sich das Blatt.
Bisher war die Wanderung anstrengend, aber gut machbar – die Wege waren asphaltiert oder gut begehbare Feldwege. Doch jetzt geht es steil hinauf auf schlammigen Trampelpfaden und losem Geröll.
Manchmal ist die Steigung so stark, dass ich fast klettern muss oder meinen Stock für zusätzlichen Halt brauche. Ich bin wahrlich nicht untrainiert – aber das hier ist mörderisch. Als hätte der Camino diesen Abschnitt mit Absicht so hingesetzt, um direkt zu fragen: „Hast du überhaupt das Zeug dazu?“
Hier sind bestimmt schon einige an ihre Grenzen gekommen und haben das Handtuch geworfen.
Ich komme nur langsam voran – und stelle erschrocken fest, dass es dämmert.
Die Landschaft hat sich verändert. Je höher ich steige, desto karger wird sie. Keine Bäume mehr, nur noch Gras, Steine und Wind. Alles wirkt weit und leer.
Ein paar Meter neben dem Pfad liegt etwas Helles im kargen Gras. Ein Skelett. Rippen, verdrehte Wirbel – in sich zusammengesackt. Aber kein Schädel. Gibt es hier eigentlich Wölfe? Die bleichen Knochen geben keine Antwort, und ich ertappe mich dabei, wie ich meinen Schritt unwillkürlich beschleunige.
Je näher ich dem Gipfel komme, desto schlechter wird das Wetter. Erst wird der Regen stärker, dann frischt der Wind auf, und ich muss gegen heftige Böen anlaufen. Ich bin zwar schon nass, hole aber trotzdem meinen Regenponcho aus dem Rucksack und ziehe ihn an. Kein leichtes Unterfangen bei dem Wind.
Ich stelle schnell fest, dass das vielleicht nicht die beste Idee war.
Jetzt biete ich dem Wind noch mehr Angriffsfläche, und der Stoff weht mit lautem Flattern um mich herum. Die Tropfen fühlen sich an wie kleine Nadeln, die mir ins Gesicht stechen. Meine Hände schmerzen – sie sind eiskalt. Und dann kommt das Beste: Die Druckknöpfe meines Ponchos verwandeln sich in kleine, pfeifende Geschosse, die mir schmerzhaft gegen die Beine und ins Gesicht schlagen.
Eins ist klar: Ich werde es nicht bis Roncesvalles schaffen.
Während ich so schnell wie möglich weiterlaufe, halte ich Ausschau nach einem geschützten Ort, an dem ich die Nacht verbringen kann. Aber auf 1400 Metern Höhe gibt es keinen.
Ich muss weitergehen.
Inzwischen ist es so dunkel, dass ich fast nichts mehr sehe. Ich fummele, ohne anzuhalten, meine Stirnlampe aus dem Rucksack – nur um festzustellen, dass ich die Batterien zu Hause vergessen habe.
Ich war mir immer sicher: Allein reisen ist das Beste, schließlich bin ich dann wenigstens mit jemandem unterwegs, auf den ich mich verlassen kann.
Ja, ja …
Ich bin wütend. Auf meine Arroganz. Meine Schusseligkeit. Auf mich selbst.
Hätte ich mal auf den netten Herrn gehört.
Eigentlich ist es nicht mehr weit bis zur Herberge, höchstens fünf Kilometer – aber ohne Licht, bei dem Wetter, 430 Höhenmeter abwärts auf nassem, glitschigem Boden? Unmöglich.
Dann – ein Licht.
Ein kleines, rotes Blinken im Dunkeln. Eine LED. Da wird doch wohl nicht etwa …?
Es ist eine Schutzhütte, aus groben Steinen gemauert, alt, aber massiv. Ich stolpere darauf zu, öffne die schwere, verzogene Holztür, und werde von einem Schwall abgestandener, feuchter Luft empfangen. Es riecht nach nassem Stein, nach verbranntem Holz – und nach irgendetwas Undefinierbarem. Vielleicht Moder. Vielleicht ein totes Tier in der Ecke. Egal, mir kommt es vor wie das Hotel Ritz.
Hastig baue ich mein Lager auf, rolle einen großen Stein vor die Holztür und krieche in den Schlafsack. Ich lasse die nassen Sachen an, in der Hoffnung, dass sie durch die Körperwärme wenigstens etwas trocknen.
So etwas wie Schlaf kommt nur in kurzen Stücken. Kaum finde ich Ruhe, reißt mich eine besonders starke Böe oder ein Donnerschlag wieder heraus. Mir ist kalt, der Wind dröhnt um die Hütte, die Tür knallt immer wieder auf den Rahmen.
Ich liege da, friere, lausche dem Sturm.
Dann ertappe ich mich dabei, wie ich mich selbst bemitleide.
Ich rufe mich zur Raison: „Stell dich nicht so an. Du wolltest Abenteuer – hier bitte, da hast du Abenteuer. Und überhaupt: Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.“
